Die Nerven liegen blank - bullish?
Jochen Steffens
Und schon höre ich von diversen Kollegen, dass deren Nerven, wie auch die Nerven verschiedener Kunden, blank liegen. Es sind Sätze zu hören wie:" Mir gehe die fallenden Kurse so was von auf den Sack!"
(Entschuldigen Sie den saftigen Ausdruck, aber es ist ein Orginalzitat). Bei einem Kollegen stehen die Telefone nicht still, aufgeregte Kunden rufen an und fragen, ob es denn nun nicht Zeit sei, alles zu verkaufen.
Zunächst einmal ist das ein bullishes Zeichen: Kaufe die Angst, verkaufe die Gier. Offenbar befinden wir uns in der Nähe der Tiefs.
Zudem, auch wenn es sich ein wenig blöd anhört, aber es ist immer noch NICHTS bearishes passiert. Es kann zwar sein, dass das gerade der Beginn eines neuen Abwärtstrends ist - das kann immer sein. Das konnte es jedes Mal in den letzten Jahren sein, bei jeder Konsolidierung. Im Moment haben wir gerade einmal die gleiche Anzahl an Punkten abgegeben, wie bei der letzten Konsolidierung von Anfang des Jahres.
Anfang des Jahres fiel der Dax von 5550 auf unter 5300 Punkte also 250 Punkte. In der aktuellen Konsolidierung sind wir von 5916 Punkte auf mittlerweile 5666 Punkte im Tief gefallen. Das sind ebenfalls 250 Punkte.
Trend noch in Ordnung
Ich schreibe das nicht, um mich oder Sie zu beschwichtigen. Ich weise schließlich die ganze Zeit darauf hin, dass die Gefahren für den Trend im Dax ab März deutlich zunehmen. Aber es besteht noch (!) kein Grund zur Panik. Der Trend ist noch vollkommen in Ordnung. Und nur der Markt gibt die Signale vor und da ist all das, was in der letzten und dieser Woche geschehen ist noch in einem ganz normalen Rahmen. Allerdings, das muss auf jeden Fall beachten werden, kamen nun zwei größere Konsolidierungen hintereinander - nach meinem Gefühl zu schnell hintereinander. Das ist einerseits ein Zeichen dafür, dass den Bullen die Kraft ausgeht, andererseits vielleicht auch nur ein Hinweis darauf, dass wie vermutet, das Jahr 2006 wesentlich volatiler wird.
Nicht ungewöhnlich hingegen ist es, dass an einem Tag, an dem die Wirtschaftsforscher die Konjunkturprognose für Deutschland erhöhen, der Dax fällt. Ich hatte schon mehrfach darauf hingewiesen, dass schlechte Wirtschaftsjahre bekanntlich gute Börsenjahre sind. Sehr gute Wirtschaftsjahre können ebenso schlechte Börsenjahre werden.
Schließlich traden die Börsen auf die Zukunft: In schlechten Zeiten darauf, dass es besser wird, in guten Zeiten darauf, dass es schlechter wird.
RWI erhöht Wachstumsprognose 2006 für Deutschland
So hat das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung
(RWI) seine Wachstumsprognose für 2006 um 0,2 Prozentpunkte auf 1,8 % erhöht. Allerdings sieht das Institut für 2007 nur ein Wachstum von
1,3 %, der Mehrwertsteuer wird die Schuld gegeben. Überträgt man das auf die Börse, dann ist das ein weiterer Grund, warum die Börse in diesem Jahr keine solche Dynamik (gegenüber den USA) entwickeln wird.
Das bessere Wirtschaftsjahr 2006 ist erreicht, darauf wird getradet, weitere Wachstumsphantasie besteht soweit nicht.
Wie geht es weiter im Dax
Wie immer achtet man nicht auf die Konsolidierungsbewegung selbst, also die fallenden Kurse, sondern auf die anschließende Gegenbewegung!
Diese ist der einzig vernünftige Signalgeber! Schafft die Gegenbewegung es nicht mehr, das alte Hoch zu überwinden, muss man vorsichtig werden. Schafft sie es hingegen nur, 50 % der Abwärtsbewegung wieder gut zu machen und fällt dann erneut dynamisch unter das letzte Tief, sollte man so langsam in den Schränken nach dem wahrscheinlich mittlerweile völlig verstaubten Bärenfell suchen, um es vielleicht kurzfristig anzuprobieren. Aber wirklich bearish wird es erst sehr viel weiter unten ...
Im Moment liegen die ersten markanten Bearsignale zwischen 4800 und 5000 Punkten. Bis dahin ist noch was Platz.
Ein interessantes Phänomen
Achten Sie auf Ihre Stimmungen, immer wenn Sie merken, dass Sie aufgrund der Märkte depressiv, verzweifelt, niedergeschlagen, wütend etc werden, wenn Sie plötzlich die Lust am Börsengeschehen verlieren, alles hinschmeißen wollen, sollten Sie eher an kaufen denken! Wir alle, die wir den Markt intensiv beobachten, kriegen etwas von diesem Mainstreamgefühl mit. Mit etwas Erfahrung und Distanz zu sich selbst können Sie dann solche Gefühle nutzen, um Ihre Ein- und Ausstiegssignale zu optimieren - schön antizyklisch. Handeln Sie also gegen sich selbst.
Gruß Moya 