Ab diesem Punkt sind die Schulden der USA nicht mehr finanzierbar
Ingo Kolf
Ingo Kolf
Ingo Kolf bringt über zwei Jahrzehnte Erfahrung im internationalen Finanzjournalismus mit, darunter 19 Jahre beim Nachrichtendienst Bloomberg, mit Stationen in Frankfurt und sechs Jahren in New York. Seine fundierte Expertise umfasst die Bereiche Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und globale Zinsentscheidungen, mit einem besonderen Fokus auf die Devisenmärkte und bewährte Dividendenstrategien. Bei ARIVA.DE ordnet er die großen wirtschaftlichen Trends unserer Zeit in tiefgehenden Hintergrundberichten und Analysen ein.
Die US-Staatsverschuldung eilt von einem historischen Höchststand zum nächsten. Es gibt aber eine Obergrenze dafür. Einen Punkt, ab dem es der weltgrößten Volkswirtschaft nicht mehr möglich sein dürfte, die Schuldenspirale aufzuhalten.
Für dich zusammengefasst:
Die Schulden der USA haben sich in 50 Jahren vervierfacht.
Die Schuldenquote könnte 210 Prozent des BIP erreichen.
In den vergangenen 50 Jahren hat sich der Schuldenberg der USA etwa vervierfacht. Während der Anteil der bereinigten Schulden am Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Frühjahr 1976 noch rund 25 Prozent betrug, ist er mittlerweile auf knapp 100 Prozent hochgeschnellt, zeigen Daten der Federal Reserve. Wenn nicht einschneidende Maßnahmen ergriffen werden, könnte schneller als erwartet das absolute, unumkehrbare Limit erreicht werden, zeigt eine neue Studie.
Dieser Point of No Return liegt bei einer Schuldenquote von rund 210 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ist für die USA, lautet das beunruhigende Fazit der Ökonomen Kent Smetters und Hangjun He von der renommierten Wharton School der University of Pennsylvania. Auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, als sei von 100 Prozent bis 210 Prozent noch ausreichend Spielraum vorhanden, könnte dieser Eindruck täuschen. Wenn die Kosten vor allem im Gesundheitsbereich weiter so ausufern wie sie es derzeit tun und die US-Regierung mit ihrer Zollpolitik ihre ausländischen Kreditgeber weiter so verschreckt, könnte das Limit noch vor dem Jahr 2040 erreicht sein, warnen die Forscher.
Die Wharton-Analysten definieren diesen Wert nicht als politische Schätzung, sondern als das harte Solvenzgrenze. Jenseits dieser 210-Prozent-Marke bricht das mathematische Fundament der Staatsfinanzierung zusammen. Der Grund ist simpel, aber fatal: Übersteigt die Schuldenlast diese Schwelle, gibt es im gesamten Wirtschaftssystem keine theoretisch oder praktisch machbare Steuererhöhung mehr, mit der der Staat die explodierenden Zinszahlungen bedienen könnte.
Um das System auf diesem Niveau überhaupt noch stabil zu halten, müsste die US-Regierung eine permanente, zusätzliche Steuer von 15 Prozentpunkten auf sämtliche Arbeitseinkommen erheben. Eine solche Zwangsmaßnahme würde mehr Geld einbringen als die Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge zur US-Rentenkasse (Social Security) und der staatlichen Krankenversicherung (Medicare) zusammen.
Doch auch dieser Rettungsanker würde sehr wahrscheinlich versagen, da sich Arbeitnehmer abgeschreckt durch die immense Abgabenlast in Scharen vom Arbeitsmarkt zurückziehen würden. Die Folge wäre, dass dann eben doch deutlich weniger Steuern eingespielt werden als notwendig. Das System würde sich augenblicklich selbst zerfleischen.
Der wahre Brandbeschleuniger: Warum das Limit rasend schnell näher rückt
Die Kernbotschaft der Studie ist ein Weckruf an alle Investoren, die glauben, dieses Problem betreffe erst die nächste Generation. Wie viel Zeit den USA bis zum Erreichen der 210-Prozent-Grenze bleibt, hängt maßgeblich von einem Faktor ab, den die meisten Analysten sträflich ignorieren: den unkontrollierten Gesundheitskosten.
Die Wharton-Forscher haben das Endspiel in drei Szenarien berechnet: Sollte sich das Wachstum der Kosten in nächster Zeit deutlich reduzieren (wie es die offiziellen Prognosen des CBO vorsehen), dann würde das 210-Prozent-Limit im Jahr 2051 erreicht werden. Sollte es mit mittlerer Geschwindigkeit wachsen, stießen die USA in 22 Jahren im Jahr 2048 an ihre Grenzen. Wenn es aber so weitergeht wie bisher, dann wäre das Limit bereits im Jahr 2045 erreicht, also in 19 Jahren.
Das bedeutet: Bleiben die US-Gesundheitskosten auf ihrem historisch realen Wachstumspfad, kollabiert das US-Finanzsystem bereits in weniger als zwei Jahrzehnten (2045). Noch brisanter ist der statistische Blick auf unvorhergesehene Schocks (wie Rezessionen oder Krisen): Die Studie beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass die USA das absolute Schuldenlimit bereits in 14 Jahren (2040) reißen, auf beunruhigende 25 Prozent.
Nach offiziellen Erwartungen (wie denen des Congressional Budget Office, CBO), könnte die US-Schuldenquote bis 2056 die Marke von 175 Prozent des BIP erreichen. Das ist eigentlich auch schon schlimm genug. Das Wharton-Modell geht allerdings davon aus, dass höhere Schulden auch höhere Zinsen mit sich bringen würden, und dass diese höheren risikofreien Zinsen dazu führen würden, Kapital aus anderen Anlagen abzuziehen. An den Finanzmärkten würde eine dynamische Rückkopplung entstehen, die weitreichende ökonomische Auswirkungen hätte. Die höheren Zinsen würden den Schuldendienst der USA drastisch erschweren und letztendlich das Wachstum abwürgen. Bis 2060 droht dem US-BIP so ein dauerhafter Einbruch um 10,4 Prozent, während die Reallöhne um 6 Prozent sinken.
Kollaps schon in 13 Jahren?
Es könnte aber auch viel schneller gehen. Sollten die USA durch dauerhafte, protektionistische Zölle den internationalen Kapitalstrom beschränken – sodass ausländische Investoren statt bisher 40 Prozent nur noch 20 Prozent der neuen US-Staatsanleihen aufsaugen –, verkürzt sich die Zeit bis zur Insolvenz drastisch. Durch die geringere Offenheit rückt das mathematische Endspiel im historischen Szenario sofort um zwei Jahre nach vorne – auf das Jahr 2043. Im schlimmsten Fall droht der Kollaps dann bereits 2039.
Die Wharton-Studie warnt eindringlich vor dem Trugschluss, das System sei bis zum Jahr 2045 oder 2051 sicher. Die errechneten Daten sind das solvenztechnische Maximum unter der Prämisse, dass die Märkte bis zum letzten mathematisch möglichen Tag stillhalten. Die reale Gefahr beginnt aber nicht erst zu diesem Zeitpunkt. Ein plötzlicher Stimmungsaufschwung an den Bondmärkten oder ein geopolitischer Schock kann die Schlinge jederzeit und völlig unvorhersehbar weit vor 2045 zuziehen.
Das System der weltweiten Leitwährung basiert auf reinem Glauben. Doch dieser Glaube ist kein unendlicher Rohstoff, sondern an die Gesetze der Mathematik gebunden. In einer Welt, in der das Fundament der globalen Reservewährung eine Halbwertszeit von weniger als zwanzig Jahren aufweist, könnte es sich als gute Idee erweisen, über inflationsgeschützte Sachwerte und harte Assets nachzudenken.
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